Startseite
Mandelatz
Chronik 1886-1946
Bilder und Menschen
Mandelatz heute
Jagderlebnisse
Belgard (Hinterpommern)
Silesen (Hinterpommern)
Suche
Rechtlicher Hinweis
Gästebuch
Chronik der Familie Haeger (Auszüge) 1886-1914

Mandelatz (um 1930): Vor dem Eingang zum Gutshaus.
V. l. nach rechts: Franz Knuth aus Berlin-Pankow, Prenzel jun. aus Berlin-Reinickendorf, Hildegard Knuth (spätere Prenzel), Ella (4. v. l.), Siegfried (5. v. l.), Wilhelmine Henriette Haeger geb. Maaß (mitte), rechts daneben Martha Knuth geb. Haeger, Reinhard Haeger (3. v. r.), Prenzel sen. und Hermann Haeger


Vorwort

Die vorliegende Chronik der Familie Haeger ist keine bloße Aufzeichnung der Daten miteinander verwandter Menschen, sie ist auch eine lebendige Geschichte des Guts Mandelatz und aller Personen, die dort lebten und arbeiteten. Hier überschnitten sich die Lebensgeschichten vieler Familien, so zum Beispiel die der Knops, der Knuths und vieler anderer.
Mit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde alles Schaffen jäh unterbunden, die Menschen, sofern sie das Kriegsende überlebten, wurden aus ihrer Heimat vertrieben und in alle Himmelsrichtungen verstreut. Die Erinnerungen an alle Menschen, die in Mandelatz und seiner Umgebung ein Zuhause hatten, wachzuhalten, ist auch Ziel und Verdienst der vorliegenden Chronik.
Mein Ziel bei der Anfertigung dieser Fassung war es, sie nicht nur Familienangehörigen nahebringen zu können, sondern damit auch Bekannten und Freunden etwas zeigen zu können, das ohne die Mühe Hermann Haegers, der sich in einer schweren Zeit viel Arbeit damit gemacht hat, vielleicht für immer verlorengegangen wäre. Man gewinnt einen Einblick in seine Welt, seine Zeit und in ein für meine Generation unentdecktes Land.

Reinhard Schinka, Berlin-Lichterfelde, den 29. Januar 1999.


Chronik der Familie Haeger 1886-1950 (Auszüge)
Geschrieben am 25. V. 1950 von Hermann Haeger

Fern der Heimat, in Süderdeich bei Wesselburen/Holstein fange ich heute diese Familienchronik an, die mein Vater einst schrieb und die durch den Krieg verloren ging. Ich werde versuchen, was mir aus meiner Jugendzeit erinnerlich ist, und was mir meine Mutter als Erwachsener oft erzählte, wortgerteu niederzuschreiben.
Ich möchte da bei meinem Großvater väterlicherseits anfangen, der in Silesen, Kreis Belgard /Pommern einen Bauernhof von 180 Morgen hatte und Ludwig Haeger hieß. Er war in früheren Jahren Musiker gewesen und hatte sich bei einer Witwe Nörenberg eingeheiratet.

Dieser Ehe entsprossen vier Söhne:

  • 1. Albert Haeger,
  • 2. Reinhard Haeger,
  • 3. Theodor Haeger und
  • 4. Julius Haeger.

Albert ist mit ca. 20 Jahren gestorben, Reinhard hat sich in Zermin, Kreis Kolberg, eingeheiratet bei einer Familie Hencke, Theodor zog nach Mandelatz, Kreis Belgard /Pommern, und Julius bekam die väterliche Wirtschaft in Silesen.
In den Jahren 1886/87 ist das Gut Mandelatz A. im Kreise Belgard - bis dahin der Familie von Versen-Burzlaff gehörig - gerichtlich versteigert worden. Vorher waren beide Güter A. und B. auf Jahre verpachtet an Hempel und Schmeling.
Mein Großvater Ludwig und Sohn, mein späterer Vater Theodor Haeger, geb. 21.V.1857, waren zum Versteigerungstermin nach Belgard gefahren und hatten in Gegenwart des ehemaligen Pächters, der auch Interesse am Kauf hatte, das Höchstgebot vom 85.000 oder 86.000 RM abgegeben. Der Bruder vom bisherigen Pächter, der auch zum Termin erschienen war, hatte seinen Bruder zurückgezogen und gesagt: "Du willst doch da nicht pleite werden!"
Bemerken möchte ich, daß ich die Chronik, von meinem Vater geschrieben, oft gelesen habe, und es so von meinem Vater geschildert wurde.
Somit war mein Vater Besitzer des Gutes Mandelatz A. mit Vorwerk Kiefheide in Größe von 1350 Morgen.
In Gut A. war die Pacht abgelaufen, aber in Mandelatz B. lief die Pacht noch weitere fünf Jahre, und alles gute Inventar, Dung usw. wurde vom damaligen Pächter nach B. geschafft und A. vollkommen ausgesogen. Auch hatte mein Vater sämtliche steuerliche Lasten zu tragen und einen sehr schweren Anfang, der Acker war sämtlich verqueckt und zum großen Teil Brache.
Mandelatz A. zergliederte sich in 500 Morgen Acker und ca. 300 Morgen Wald, und der Rest war Wiesen, die nicht in Ordnung waren, und Wasser (Leitznitz-Forellenbach) in Gesamtgröße von ca. 852 Morgen. Das Vorwerk Kiefheide - drei Kilometer entfernt - hatte 80 Morgen Acker, ca. 300 Morgen Wald und Rest Wiesen, in Größe von ca. 452 Morgen nach der Grundsteuermutterrolle.

Mandelatz hatte nicht ein Arbeiterhaus bei der Übernahme, und auch der Wald war in einem vollkommen heruntergewirtschafteten Zustand. Das erste Arbeiterhaus hatte mein Vater von Bauer Latzke gekauft (Strohhaus Wiedenhaupt - Schäfer Höck), Mandelatz B. gegenüber.

Die Arbeiter wohnten, soweit es möglich war, eingemietet in Wohnungen von B. Nach und nach sind dann zwei Häuser für zwei Familien gebaut worden. So Haus Hähnke und Haus Boldt-Löper, letzteres gegenüber der Schule. Die Räumung des Gutes A. war vom Pächter ein halbes Jahr nach dem Kauf.

Mein Vater wohnte bis dahin noch in Silesen und kam öfter von dort die Dächer reparieren, blieb dann bei Bauer Latzke über Nacht.
Er hatte ein Vermögen von 35.000 RM, und es blieb eine Schuldhypothek bei der Landschaft in Treptow a. R., Kreis Kolberg, von ca. 50.000 RM. Es ist auf 500 Morgen Acker in M. nicht soviel Getreide gewachsen, wie zum Leben für den Betrieb gebraucht wurde.
Nach dem Zuzug von Silesen nach Mandelatz wirtschaftete mein Vater ca. drei Jahre ohne Frau mit Mädchen und hatte im Haus vier bis fünf Knechte, einen Schäfer und einen Kuhfütterer.
Nachdem er zwei Leutehäuser gebaut hatte, schaffte er die Knechte nach und nach ab, da sie nicht bodenständig waren und sich schlecht vertrugen.

Es fehlten in Mandelatz A. sämtliche Maschinen und Aufzäumung, und so brachte mein Vater aus Silesen Pferde und Wagen sowie einen Kutschwagen mit. Nach und nach hatte er dann Pferde und Inventar angeschafft.
In der Nähe lag die Burzlaffer Mühle, Besitzer Arnold Nörenberg, der meinem Vater oft aus Geldsorgen half, besonders in den ersten Jahren, nach 10-15 Jahren borgte er von meinem Vater, da er ledig war, trank und spielte; Arnold Nörenberg und Bruder Ferdinand hatten eine Wirtschafterin, Frau Scheunemann genannt, Ev. Sie verkauften die Mühle und zogen nach Belgard, verloren das Geld - ca. 30.000 RM - in der Inflationszeit 1920-23 und wurden in Belgard (Abb. rechts) Stadtarme (Sozialrentner).

Da in Mandelatz A. fast alle Maschinen fehlten, säte mein Vater fast alles Getreide selbst mit der Hand. Oft war er, wenn die Leute auf Arbeit kamen, vom Säen und sonstigen Arbeiten müde. Öfter war er auf den Patzlaffer Berg, der 200 m hinter dem Wohnhaus lag, gegangen und hatte nach seinem Heimatort Silesen, der nordöstlich lag, mit feuchten Augen geschaut, denn Mandelatz war einsam gelegen und mit Sorgen umgeben, dagegen war Silesen ein großes Bauerndorf mit Gasthaus, Geselligkeit und vielen jungen Menschen, und die Wirtschaft war ohne Schulden.

In den Jahren um 1890 hat sich mein Vater dann mit Wilhelmine Henriette Maaß aus Zarnefanz, Kreis Belgard, verheiratet, die am 1.XI.1857 geboren war und 24.000 RM Mitgift hatte. Gleichzeitig zog der unverheiratete Bruder August Maaß mit, der dasselbe Vermögen besaß und später mit ca. 60 Jahren verstarb. Auch die Schwiegermutter meines Vaters, Henriette Maaß, verzog nach Mandelatz, die auch vermögend war. In Zarnefanz bekam den Bauernhof von 120 Morgen der Bruder meiner Mutter, Friedrich Maaß, der mit einer Emilie Müller aus Groß Dubberow verehelicht war, und dessen Ehe zwei Töchter, Anna und Martha, letztere meine Frau, entsprossen.
Mein Vater stand sich nach seiner Verheiratung finanziell ganz bedeutend besser, und hat dann viele Schulden, z. B. beim Geschäft Freundlich in Belgard und anderen für Mehl und ähnliches, wie mir meine Mutter oft erzählte, beglichen. Er hatte ein Fach der 100 m langen Scheune, das sogenannte Kellerfach, an Mandelatz B. verpachtet, da er ja in der ersten Zeit nicht so viel erntete, daß die Scheunen voll wurden.
Da meine Eltern Bauernsohn und Bauerntochter waren, verstanden sie jede praktische Arbeit, die mit der Landwirtschaft verwandt oder verbunden war. So hat mein Vater bei allen Zuchtsauen, wenn sie ferkelten, selbst gesessen und in neun Monaten ca. 200 Ferkel aufgezogen, und sie haben so lange, wie beide wirtschafteten, selbst nach dem Kalben nach den Kühen, bei Tag und bei Nacht gesehen, und ich entsinne mich gut, wenn meine Mutter die Petroleumlampe ansteckte und des nachts, wenn es nötig war, nach dem Vieh sah.

An Gebäuden hat mein Vater gebaut:

  • Schweinestall rechts vom Wohnhaus massiv gewölbt, von Maurermeister Kreitlow, Dubberow, für ca. 100 Schweine.
  • Arbeiterhäuser, massiv, für vier Familien im Dorf.
  • Einen massiven Stall auf Vorwerk Kiefheide. Dann hat er den Wald in jeder Beziehung verbessert. So hat er den leichten Boden beim Bockberg ca. 30 Morgen an der Dubberower Grenze bis zum Dreu aufgeforstet, rechts und links der Wildbahn ca. 25 Morgen, Acker, ca. 15 Morgen beim Eichgrund, die bei unserem Fortgang aus der Heimat gegen 40 Jahre alt sein mochten, und in denen, da es Acker war, die Ackerfarbe sich bemerkbar machte. Es waren dies alles Kiefernbreitsaaten, von meinem Vater selbst mit der Hand gesät, wie mir Hofmann Hähncke erzählte.
  • Am Eschengrund, schiefen Hang: 1 Morgen.
  • In Kiefheide zwischen Strecke und Chaussee: ca. 30 Morgen.
  • Diesseits der Strecke beim Jagdhaus, zwischen Strecke und Feuerschutzstreifen:

Es ist mir dies alles nicht mehr erinnerlich, da es wohl in meiner frühen Kindheit gewesen ist. Ich weiß aber wie heute, daß ich meinen Vater im Alter von zehn Jahren auf der Jagd begleitete, und da er eine Mauserbüchse 11,15 mm und eine Doppelflinte Kal. 16 führte, beide Gewehre oft mitnahm, und ich dann ein Gewehr tragen mußte.

Aus der Ehe meiner Eltern waren zwei Söhne:
1. Reinhard Haeger, geboren 29. Januar 1893 und ich,
2. Hermann Haeger, geb. 6. Mai 1896, beide zu Mandelatz.

Mein Vater hatte verschiedene Ehrenämter inne, so war er Amtsvorsteher, Gutsvorsteher, Schöffe und Geschworener sowie Mitglied des Kreistages Belgard. Er war deutschnational eingestellt und hatte öfter Redner bei sich, mit denen er des Abends nach Burzlaff, Dubberow etc. zu Versammlungen fuhr und daher von seinen Nachbarn, von Kleist-Dubberow, von Versen-Burzlaff und Graf von Kleist-Retzow, Großtychow, sehr geschätzt wurde.

Kiefheide, ca. 80 Morgen Acker und die Wiesen waren meistens verpachtet. Es war bei meines Vaters Zeiten mit Jagd für 450 RM jährlich an den Pächter Bork auf zwölf Jahre verpachtet, und Borks hatten, nach Aussage meiner Mutter, dort gut gewirtschaftet und Gebäude und Acker in Ordnung gehalten. Da sie aber die Jagd nicht waidgerecht ausübten, war meistens Streit mit den Grenznachbarn, besonders mit dem damaligen Förster Stern, Hainrichshain. Nachbarn waren in Kiefheide von Rhoeden, Vietzow, ein Teil des Gutes Neuhof zu Vietzow gehörig, von Versen, Burzlaff, und von Kleist, Klein Dubberow, und der Staat grenzte bis auf 500 m.
Dem Pächter Bork wurde daher nach Ablauf der Pachtzeit Kiefheide nicht mehr verpachtet und die Jagd an das Gut Burzlaff verpachtet, die Landwirtschaft ruhte. Die Wiesen wurden von Mandelatz aus geerntet. In Mandelatz waren fast sämtliche Wiesen von meinem Vater angelegt, so u. a. die Rohrwiese.
Ein Teil der Rohrwiese lag jenseits des Leitznitzbaches auf Burzlaffer Seite, und mit Erlaubnis von Frau von Versen wurde das Flußbett auf Burzlaffer Seite gelegt, so daß die Wiesen auf Mandelatzer Seite zu liegen kamen. Allerdings waren damit eine Menge Arbeit und Geldausgaben verbunden. Dann legte mein Vater den größten Teil in Rieselwiesen an, baute oberhalb der Brücke eine Schleuse, und von dort aus einen Hauptgraben, der an der einen Seite der Wiesen verlief, und berieselte somit die ganze Rohrwiese. Später sind diese Rieselwiesen, da keine richtige Schleuse vorhanden war, eingegangen. Der Hauptgraben für die Rieselwiesen verlief 200 m oberhalb der Brücke, Weg Mandelatz A. - Kiefheide bis zum Moor an der Dubberower Grenze, und war etwa 1 ½ km lang. Die Wiesen lagen alle im Walde und waren 30-150 m breit. An der Grenzseite floß der Leitznitzbach nach Belgard in die Persante.

Brücke über den Leitznitzbach (um 1930, 1992)

An Anspannung wurden von meinem Vater neun Pferde bei dreijähriger Brache gehalten. An Vieh ca. 12 Kühe, 20-25 Stück Jungvieh, letzteres wurde 2 ½-jährig (tragend) vor dem Winter in die ganze Gegend an Händler verkauft, da keine Milchwirtschaft betrieben wurde. Vater rechnete so, daß er jeden Monat ein bis zwei tragende Starken verkaufte und so auch Einnahmen aus dem Viehstall hatte.
Die Molkerei Großtychow lag sieben bis acht Kilometer entfernt. An Schweinen hielt er ca. 50-60 Stück, an Schafen bis zu 300. Es wurde damals mit dreijähriger Brache gewirtschaftet und nicht mehr Anspannung benötigt. Die Eßkartoffeln kosteten in den Jahren 1907/1908 je Zentner 1,30 RM, Land verlesen (Marke Daber). Ebenso war das Vieh und Getreide billig. Auch der Wald brachte wenig ein, und das Holz war kaum loszuwerden. Mein Vater kaufte in den ersten Jahren von Großtychow und Klein Dubberow Kloben und Knüppelholz, da der eigene Wald ziemlich von den Pächtern heruntergewirtschaftet war und er wohl geschont werden sollte.

Bahnhof Kiefheide 1992
Gute Kiefernbestände hatte Mandelatz an der Rohrwiese und am Moor, Kiefheide diesseits der Bahnstrecke, welches mein Vater an Zimmermeister Schulz, Belgard, in späteren Jahren verkaufte, zwischen Strecke und Chaussee, wo die elektrische Leitung durchging.
Diese Bestände waren bei Lebzeiten meines Vaters aber alle noch jünger, auch wurde zu damaliger Zeit in Mandelatz keine richtige Waldwirtschaft betrieben, da der Wald ein notwendiges Übel und die Hälfte der 700 Morgen Forst nicht in Ordnung, zum Teil Ödland war.

Mein Vater war ein guter Jäger und Schütze und gehörte der Schützengilde Belgard an, und ich durfte ihn oft auf der Jagd begleiten und - wie ich schon sagte - ein Gewehr tragen.
Mandelatz war von großen Forsten umgeben, so z. B. Großtychow (8000 Morgen), Klein Dubberow (5000 Morgen) und Burzlaff (3000 Morgen), und es hatte daher eine sehr gute Hochwildjagd.

Einmal ging ich mit meinem Vater auf Jagd, und da er noch am Moor einen Hasen schießen wollte, sollte ich die Mauserbüchse tragen und ging an der Feldkante durch den Gänseteich, ein Erlenbruch, zur Moorecke-Dreu. Mein Vater hatte dabei wohl 8-10 Stück Rotwild rege gemacht, die ca. 100 m über freies Feld in Richtung Gänseteich an mir vorbei wechselten. Ohne langes Überlegen nahm ich die Büchse und schoß auf ein Stück, welches stark Keulenschuß waidwund zeichnete und hinter dem Rudel weit zurückblieb.
Es wurde am nächsten Tag von Onkel August, Bruder meiner Mutter, verendet gefunden. Mein Vater gab mir hierauf 2 RM. Ich kann wohl 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein. Ich weiß dies jedenfalls noch wie heute. Mein Vater kaufte einen Jagdhund von Förster Zick, Kiefheide, der Nero hieß und der Deutsch-Kurzhaarrasse angehörte. Er war ein starker, scharfer Würger.

Einmal wollte mein Vater dem Lehrer Schutz in Mandelatz, einen Hasen schießen, und dieser drückte mit mir einige Ecken Wald durch, doch es wollte nicht klappen. Inzwischen waren wir beim Bockberg angelangt, und mein Vater, der keine Lust mehr hatte, gab mir die Flinte und ging mit Herrn Schutz nach Hause. Ich ging dann in ein Stangenholz hinter dem Bockberg, heute Schonung, welches mit Wacholder durchsetzt war, suchte, und schon sprang Meister Lampe auf, ich legte an, schoß, mein Hase rollte, und am Abend hatte Herr Schutz seinen Hasen.

Diese Hahndoppelflinte Kal. 16 war noch 1945 gut erhalten, und ich habe mit ihr oft Wild erlegt. Allerdings wurde mit Schwarzpulver geschossen, und man sah im Pulverdampf das Stück Wild nicht, erst wenn er sich verzogen hatte. Ich schoß im Alter von 13-14 Jahren mit ihr Krähen aus der Luft. Auch hat mein Vater 1908/09 zwei Stücken Schwarzwild erlegt. Man fährtete sehr selten eine Sau, nur nach Jahren nahm das Schwarzwild zu (dann aber stark). Die Doppelflinte war von Schlossermeister Julius Fritzke, und am Tage des Kaufs waren meine Mutter und ich mit nach Belgard. Ich weiß das heute noch genau.

Meiner Mutter gefiel es in den ersten Jahren in Mandelatz nicht, und sie war öfter auf den Berg hinter dem Garten gegangen, hatte in Richtung Zarnefanz gesehen und geweint, wie sie mir erzählte. Später aber, wie es in Mandelatz besser und alles mehr in Ordnung war, hatte sie sich doch gefreut. Denn in Zarnefanz hatte sie viel und hart arbeiten müssen, fremde Leute wurden auf dem Bauernhof fast nicht gehalten, und so erklärte sich auch der Besitz des vielen Geldes bis zum Alter von 35 Jahren, da sie nach Mandelatz zog. Der Bauernhof in Zarnefanz war schuldenfrei, und es war später bei Friedrich Maaß noch Geld zu, und zwar 1914 60.000 RM, wie er öfter erzählte, welches er durch Erbschaft von seiner Mutter und Bruder August aus Mandelatz und zum Teil aus Ersparnissen erworben hatte, welches er durch die Inflationszeit 1922 usw. bis auf 10.000 RM verlor.

Mein Vater Theodor Haeger war ein ruhiger, sachlicher Mann, der überall beliebt war, rauchte, tanzte, und gerne einen trank, dagegen war meine Mutter etwas temperamentvoller, oft gar hitzig, und ängstlich veranlagt, aber eine treusorgende, sparsame Hausfrau. Ludwig Haeger, mein Großvater, hat sich, wie mir meine Mutter erzählte, oft längere Zeit in Mandelatz aufgehalten, bekam aber seinen Altenteil in Silesen. Er ist die Triebfeder des Gutskaufes in Mandelatz gewesen. Öfter ist meine Mutter mit Fuhrwerk mit ihm nach Belgard gefahren (ca. 18 km). Er ist ein sehr solider, ordentlicher Mann gewesen. Später ist er ganz nach Silesen gezogen und dort verstorben.

Julius Haeger, Garde, Berlin, Soldat, bekam, wie schon gesagt, die väterliche Wirtschaft und veheiratete sich mit einer Bauerntochter, geb. Krüger aus Kösternitz, Kreis Belgard.

Aus dieser Ehe waren nachfolgende Kinder:

  • 1. Martha Haeger, die spätere Frau Knuth , Berlin Pankow, Post,
  • 2. Berta Haeger, die spätere Frau Lüdtke, Berlin b. Post,
  • 3. Luise Haeger, die spätere Frau Berthold, Klug, Silesen,
  • 4. Paul Haeger, der spätere Besitzer des väterlichen Hofes,
  • 5. Alma Haeger, die Arthur Belz (kleinere Wirtschaft im Ort) heiratete,
  • 6. Karl Haeger, der ledig blieb und auf der Wirtschaft im Alter von 30 Jahren starb (Gehirnhöhlenvereiterung).

Julius Haeger ist im Alter von ca. 45 Jahren an Lungenentzündung verstorben. Da die Kinder noch jung waren, heiratete seine Witwe ihren früheren Wirtschafter Paul Winkler, der ca. 20 Jahre jünger, ordentlich, und der Wirtschaft eine gute Stütze war.

Aus der Ehe Reinhard Haeger, Zernin (diente beim Inf. Reg. 61, Thorn), waren Kinder:

  • 1. Olga Haeger, verehelichte Braasch, Necknin, Kreis Kolberg,
  • 2. Anna Haeger, verehelichte Schröder, Administrator,
  • 3. Otto Haeger , der spätere Bauer, heiratete Gertrud Storm, Darmgard,
  • 4. Frieda Haeger, heiratete einen Bauern in Pramm und starb nach ca. 10 Jahren,
  • 5. Karl Haeger, starb im Alter von 13-14 Jahren,
  • 6. Minna Haeger, unverheiratet,
  • 7. Gerhard Haeger, unverheiratet.

Reinhard Haeger ist im Alter von ca. 70 Jahren gestorben. Er war ein ruhiger, gemütlicher Mann, auf den ich mich im Alter von 20-30 Jahren gut besinnen kann, er hatte es in Zernin - die Wirtschaft war 180 Morgen groß - auch nicht leicht, da von seiner Frau verschiedene Geschwister waren, die er auszahlen mußte.
So hat mein Vater, Theodor Haeger, nach und nach aus einer heruntergewirtschafteten und verlotterten Wirtschaft eine viel bessere geschaffen, und 1910 waren 80.000 RM bares Geld, teils durch Erbschaft, teils durch Ersparnisse vorhanden. Die erste Maschine, die er kaufte, war eine Breitsähmaschine, mit der man jedes Saatkorn, vom Roggen und Hafer bis zur Seradella, säen konnte, und somit hörte das Säen mit der Hand auf.

Mein Vater hat in seiner Wirtschaftszeit nicht gerade viel gebaut, da er, wie er öfter gesagt hat, dem zweiten Sohn auch ein ansehnliches Vermögen zusammensparen, evtl. ein Gut kaufen wollte.

An alten Leuten waren von meinem Vater nach vielen Jahren noch wohnhaft:

  • Familie Albert Hähnke in Mandelatz. Mit etwa 75 Jahren verstorben, war lange Jahre Hofmeister und Vorarbeiter (50 Jahre).
  • Familie Hermann und Albert Wiedenhaupt. Ersterer Gespannvorkutscher, letzterer, sein Bruder Albert, Kutscher und Gespannführer, der so lange da war wie meine Mutter. Er war später Kuhfütterer und danach Schäfer. Albert, Schäfer Höck viele Jahre wohnhaft, danach sein Sohn Georg Schäfer, war Hausfaktotum und machte schon bei meinem Vater allerlei Nebendienste, vom Kutscher bis zum Obertreiber auf Wild. Er kannte im Feld und Wald jeden Stein, Baum und Strauch, und wenn es hieß: "Albert, da und da hängt der Rehbock oder der Hase", so sagte er nur: "Jo, jo, ick weit all", und er ging freudestrahlend ab, oder fuhr mit Fuhrwerk und brachte das Wild todsicher an.

Mein Vater hat 1908 und 1909 je einen Überläufer erlegt, schoß aber in der Brunft und auch sonst ab und zu einen Hirsch oder ein Tier, so einen Zehner Hirsch im Rohrwiesenstangenholz, welches damals dicht mit Wacholder durchsetzt war, und an dessen Stelle die heutige Rohrwiesenschonung ist. In mir wurde natürlich durch die Begleitung meines Vaters die Jagdleidenschaft geweckt, und öfter ging ich allein, mit der Schrotflinte bewaffnet, auf Jagd, und erlegte auch etwas. Auch ging ich mit Bruder Reinhard, der ja schon einen Jahresjagdschein besaß, mit auf Jagd.

Reinhard besuchte damals die landwirtschaftliche Schule in Schivelbein, ich die Volksschule in Mandelatz, danach die landwirtschaftliche Schule in Köslin.
Wie ich schon sagte, war mein Vater Amtsvorsteher, und ich habe öfter Briefe an den Herrn Landrat zu Belgard und andere Behörden schreiben müssen, die er mir diktierte. Auch hat er zu damaliger Zeit den Acker gut gekalkt und anderen künstlichen Dünger wie Chilisalpeter angewandt, und er hatte sehr gute Ernten.

Einmal haben wir, mein Vater, Reinhard und ich einen Ausflug per Rad nach Köslin-Sorenbohm gemacht, wie ich wohl erst 12 Jahre alt war und mit den Füßen noch nicht zum Pedal reichte. In Köslin machten wir dann Schluß, da ich mich schon durchgeritten hatte und fuhren abends per Bahn nach Hause. Auf dem Radausflug sangen wir dann:
"Mein Vater, der im Himmel wohnt, als König aller Engel throhnt, er ist mir nah bei Tag und Nacht und gibt auf meine Schritte acht". Dies weiß ich heute noch genau.

Mein Vater ist dann nach einem segensreichen, sorgenvollen Leben am 29. IV. 1910 in Mandelatz verstorben. Er war erst 53 Jahre alt. Als Amtsvorsteher war er mit seinen Wehrpflichtigen nach Großtychow zur Musterung, hatte sich dort erkältet, bekam Lungenentzündung; Dr. Heise, Belgard, war sein Arzt. Nach überstandener Lungenentzündung stand er zu früh auf, wirtschaftete auf dem Hofe, bekam Rückfall und verstarb.
Onkel August, Mutters Bruder, starb drei Wochen früher an Lungenentzündung. Er lebte als Rentner, verrichtete treue Dienste als Backofenheizer, hackte das Holz für den Haushalt und machte sich sonst nützlich. Er hat wohl ca. 25 Jahre unverheiratet in Mandelatz gelebt. Beide schlafen in Mandelatz auf dem Friedhof.

Jetzt stand meine Mutter allein mit der Wirtschaft und uns beiden im Alter von 17 und 14 Jahren und hatte nun viele Sorgen. Da kein Testament gemacht war, kam eine Gerichtskommission, bestehend aus Rittergutsbesitzer von Kleist, Drenow, Rittergutsbesitzer Schmieden, Ballenberg, und Amtsgerichtssekretär Ullrich, Belgard, und schätzten Mandelatz ab. Wir beiden Söhne bekamen je 52.000 RM und meine Mutter das Gut. Da 100.000 RM bares Geld, Sparkassenbücher und Hypotheken vorhanden waren, war eine Teilung nicht schwer, wie oben erwähnt. Meine Mutter hätte sich jetzt einen ordentlichen Wirtschafter nehmen sollen, hat aber dann mit den alten Arbeiterfamilien Vorkutscher Hermann Wiedenhaupt und Hofmeister Hähnke allein mit Bruder Reinhard zusammen gewirtschaftet. Vormund für uns beide war meine Mutter und Beistand Lehrer Schutz.
Eine Hypothek von 4000 RM war auch auf die Burzlaffer Mühle bei Nörenberg eingetragen, der ja mein Vater beim Anfang Geld geborgt hatte. Das Blatt hatte sich gewendet.

Es wurden bei meines Vaters Lebzeiten fünf Arbeiterfamilien je zwei bis drei Mann gehalten, von uns nach Jahren sieben, da die dreijährige Brache wegfiel und viel am Wald gearbeitet wurde. So habe ich später von den 700 Morgen Wald, die vorhanden waren, ca. 300 Morgen in Schonungen angelegt, da die alten Bestände zum Teil Anflug, teils schlechte Bestände von Ödländereien waren.

Nach und nach wurde mein Bruder Reinhard älter und hat nach besten Kräften dann gewirtschaftet. Ich ging noch zur Schule. Im Sommer mußte ich nach Großtyrow und im Winter nach Neu-Buckow zum Konfirmandenunterricht, auch bei vielem Schnee über Feld, später durch den Wald nach Neu-Buckow, zu Pastor Meinhof zum Unterricht mit anderen Kindern aus dem Dorf fünf Kilometer gehen. Es war dies oft wohl nicht leicht. Mein Bruder ist in Schivelbein konfirmiert, wozu meine Eltern mich auch mitnahmen. Es ist mir dies noch gut in Erinnerung.

Mein erster Lehrer in Mandelatz war Herr Wendorf, ein Jahr später Herr Schutz, der ein strenger, aber gerechter Lehrer war, und durch dessen Mithilfe ich mit 16 Jahren einen Jagdschein bekam. Er verstarb an Herzschlag und ist auf dem Mandelatzer Friedhof beerdigt.
Meine Mutter hat dann 1912 den Kuhstall neu gebaut unter Mitwirken von Reinhard und Herrn Schutz durch Herrn Großmann, Großtychow, und sie bezahlte dafür 12.000 RM.

Es folgten dann einige Jahre ungetrübten Wirkens, da wir allmählich älter und größer wurden. Inzwischen besuchte ich die landwirtschaftliche Schule in Köslin durch Vermittlung von Herrn Syring, Boissin, und war danach als Lehrling-Volontär im Gräflichen Betrieb Großtychow.

Dann brach der Krieg 1914 aus, und Reinhard wurde ein Jahr danach eingezogen. [Weiter]


© Copyright Reinhard Schinka - Alle Rechte vorbehalten.