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DIE LEBENSERINNERUNGEN VON PAUL HAEGER AUS SILESEN.
Niedergeschrieben in zwei Ausfertigungen Januar 1977 und März 1981

Bearbeitet von Dr. Otto Haeger, Oberkammlach, und Reinhard Schinka, Berlin, 2001/2002


"Die drei Haegers und ihre Kronprinzen". V. l. n. r.: Reinhard Haeger mit Sohn Siegfried, Otto Haeger mit Sohn Reinhard, Paul Haeger mit Sohn Martin

I. Die Familie Haeger in Silesen

Da ich nun schon über 83 Jahre alt bin, wäre es gut, wenn ich etwas von meinem Leben erzähle.
Ich, Paul Karl Albert Haeger, bin am 25. Mai 1897 zu Silesen geboren. Unser Vater war Julius Haeger, geboren am 16. März 1860 zu Silesen, unsere Mutter Berta, geborene Krüger, geboren am 2. Januar 1866, war aus dem Nachbardorf Kösternitz.

Unser Vater hatte einen Bauernhof von über 221 Morgen (= 55 Hektar), der Acker und Wald war in einem Plan, auch 40 Morgen Wiese, gleich hinter dem Garten war in einem Plan. Er war wohl einer der besten Höfe im Dorf und schon 200 Jahre im Familienbesitz.

Unser Großvater, Wilhelm Ludwig Haeger, und unsere Oma Phillipine, geb. Nörenberg, hatten drei Söhne:

  • Onkel Reinhard, der nach Zernin, Kreis Kolberg, verheiratet war,
  • Onkel Theodor, dem unser Großvater ein Rittergut von 1300 bis 1400 Morgen in Mandelatz gekauft hatte, und
  • unser Vater, Julius Haeger, der war der jüngste und hat den Hof bekommen.
  • [Der vierte Sohn Albert, der älteste, war im Alter von 20 Jahren gestorben. Zusatz O. H.]

Wir waren sechs Geschwister:

  1. Martha, geb. am 8. Juli 1888
  2. Berta, geb. 24. April 1890
  3. Luise, geb. am 22. Oktober 1891
  4. Alma, geb. am 15. Mai 1895
  5. Paul, geb. 25 Mai 1897
  6. Karl, geb. 18. November 1898

II. Kindheit und Soldat im 1. Weltkrieg

Unser Vater hatte sich im Dezember 1905 schwer erkältet, er bekam eine schwere Lungenentzündung und mußte am 6. Januar 1906 sterben Er war erst 45 Jahre alt, war noch nie krank gewesen, war groß und kräftig und hatte im 1. Garde-Regiment in Berlin gedient, und mußte schon so früh sterben. Nun kam für uns sechs Geschwister gerade keine rosige Zeit. Auf dem Grabstein unseres Vaters stand geschrieben: "Siehe, ich sterbe, doch Gott wird mit Euch sein". Unser Gott ist mit uns gewesen, es ist alles gut gegangen. Unsere Mutter hat im Dezember 1910 wieder geheiratet, und zwar Paul Winkler. Er hat nach dem Tode unseres Vaters gewirtschaftet; war bei uns vorher schon in Stellung. Wir haben nie miteinander Streit gehabt. Er war ein guter Mensch.

Meine Schwestern waren ja nun schon größer, die dann die Arbeit gemacht haben. Mein Bruder Karl und ich mußten, als wir noch klein waren, die kleinen Gänse hüten, Mutter hatte immer 30 bis 40 Stück, dann mußten wir Schafe hüten, und als ich größer wurde, mußte ich Kühe hüten.

Mit sechs Jahren kam ich zur Schule. Unser erster Lehrer hieß Falk, dann kam Lehrer Deutsch, das war ein guter Lehrer, ein echter deutscher Mann. Er war aus Belgard, seine Frau war aus Bösin, die Schwester von unserem Kaufmann Paul-Otto Venzke aus Belgard. Als der erste Weltkrieg am 4. August 1914 begann, wurde unser Lehrer Deutsch gleich wieder Soldat, und da ist er im Frühjahr 1915 als Offiziersstellvertreter in den Karpaten gefallen. Er wurde paar Wochen später nach Belgard überführt und dort beerdigt.

Am Palmsonntag, den 11. April 1911, bin ich durch Pastor Radtke (Sidkow) eingesegnet worden. Mein Einsegnungsspruch steht im 1. Kor. 16 V. 13. Er heißt: "Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark". Ich habe nun auf meines Vaters Hof weiter gearbeitet, ebenso auch meine Geschwister. Ich übernahm nun ein Pferdegespann und machte Feldarbeiten, Pflügen und Eggen und was es so gibt. Als dann im August 1914 der Erste Weltkrieg begann, mußte Paul Winkler die ersten Tage schon zum Militär, dann habe ich alleine weiter gewirtschaftet, bis auch ich im Oktober 1916 Soldat wurde.

Ich wurde zum Feld. Art. Reg. 2 in unsere Kreisstadt Belgard eingezogen, war bei der 1. Batterie, blieb hier bis zum 12. Februar 1917, und da ich aus der Landwirtschaft war, wurde ich als Fahrer eingeteilt.

Das Reiten hat mir Spaß gemacht. Nach der Ausbildung kam ich mit noch 110 Mann als Ersatz zum Feld. Art. Regt. 221. nach Frankreich. Im Sommegebiet, in Nordfrankreich und in Belgien waren wir eingesetzt. So kamen wir bis nach Reims, kämpften u. a. bei St. Quentin, Cambrai, Maubeuge Laon, dies liegt auf einem Berge und ist eine Festung, Lille, Douai, Peronne, Bapounne, Mars Rouboinx, Brüssel, Lüttich, Namur.

Im März 1918 habe ich im Walde bei Naxon das Eiserne Kreuz EK II erhalten. Unser Regiment war zweimal in Flandern in die schweren Kämpfe eingesetzt; - das Dorf Paschendale war nur noch ein Trümmerhaufen, es war ein großes Dorf. Es war wohl im Oktober 1918, als unsere Front immer langsam zurückging. Den 9. November 1918 stand unser Regiment südlich von Brüssel, da hieß es mit mal "Waffenstillstand". Ich weiß es noch, als wenn es heute noch gewesen ist.

Dann begann der Rückmarsch der gesamten deutschen Armee, es ging immer etappenweise, jeden Tag eine bestimmte Strecke, unser Regiment kam in einer Woche bis an den Rhein, bei Düsseldorf sind wir über die Rheinbrücke marschiert, dann ging es links eine kurze Strecke am Rhein entlang, in der Stadt Sterkrade wurden wir verladen. Sind dann über Hamburg, Stettin nach Belgard gefahren, wo wir ausgeladen wurden. So kamen wir nach Lülfitz ins Quartier, ich und noch zwei Mann haben beim Bauer Kaske gelegen. Unsere Geschütze mußten wir nach Kolberg fahren, unsere Pferde wurden verkauft. Nun wurden wir entlassen, so war der Krieg für uns zu Ende.

Im Januar 1919 mußte ich nochmals in die Belgarder Kaserne, die Grenze mit Polen war wohl nicht ganz in Ordnung. Wir wurden aber nicht eingesetzt, nach ein paar Wochen wurden wir wieder entlassen. Ich hatte zu Hause eine Landkarte von Frankreich, da war jede Stadt und jedes Dorf drauf, diese Karte ist nun wohl 1945 in meinem Schreibtisch in unserem Silesen liegen geblieben.

Während meiner Militärzeit in Belgard 1916 war ich mit Wera öfter zusammen. Sie lernte dort sticken. Als ich dann im Februar 1917 nach Frankreich kam, haben wir uns immer beide geschrieben.
Ich hatte das Glück, daß ich zu meinem 20sten Geburtstag Urlaub bekam und ihn zu Hause verleben konnte. Urlaub aus Frankreich war schön, nur die Urlaubstage zu Hause vergingen dann immer sehr schnell, und die Rückfahrt nach Frankreich war dann immer schwer. Bis Berlin, wo ich dann alleine war, waren die Gedanken zu Hause, von Berlin ab gingen die Urlaubszüge, da war man dann wieder unter Kameraden. Da dachte man nicht mehr so viel nach Hause, da war man wieder Soldat.

[Die Bewirtschaftung meines Bauernhofes in Silesen]

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